Ich sitze in meinem Zimmer.
Es klopft - "Ja, komm herein."
"Ich muss den Test noch machen; ich lege ihn dir hin und komme in 10 Minuten wieder."
Das alte Spiel, also los. Übliche Prozedur.
Packung aufreißen, Stäbchen in die Nase, links, rechts.
In die Lösung stecken, warten.
Auf den Teststreifen tropfen lassen. Kennt man, nichts neues. Mittlerweile echt nervig.
Ich gehe zurück in mein Schlafzimmer und warte bis er wieder kommt, man kennt das Spiel.
Er kommt. "Der Test liegt drüben.."
Aus dem Nebenraum kommt ein leises "oh..", also rüber.
Ich sehe es, und sehe es nicht.
Komisch, der Test sah noch nie so deformiert aus. Entzerrt aus der Realität. Ein Bild schiebt sich über das andere, über das Sichtbare, über das Eigentliche.
Dann sehe ich es, wirklich diesmal. Und dann trifft mich die Erkenntnis mit voller Wucht. Und ganz sacht, sanft nagt sie an meinem Bewusstsein. Erklärt mir, was ich sehe. Nein, das kann nicht sein. Doch, du weißt es. Nein. Doch. Nein. DOCH. NEIN. Shut up.
Dann lache ich. In Abwehr. Höre meine eigene Unsicherheit. Das Unglauben.
Wie oft habe ich das Prozedere hinter mir. Wie oft kam da die Antwort, die ich erwartet habe. Und jetzt... Verrät sie mich. Verrät mich mein Vertrauen.
Dabei haben wir das doch letztes Jahr schon mal durch gemacht.
Ich bin genervt von diesem Ergebnis, auf das Folgende. Was denkt der Test, wer er ist, und mir nicht die Antwort gibt, die ich von ihm erwarte? Ich weiß doch, was da stehen muss. Und jetzt.. Ist es da nicht.
Ich schaue M an, er schaut zurück. Ich lese Unsicherheit raus, leichtes Unglauben. Sehe meine Gefühle gespiegelt. Mein Selbstvertrauen ist noch nicht erschüttert.
"Hast du noch weitere Tests hier, von anderen Herstellern?"
"Ja"
"Dann mach von denen doch noch einen, kann ja sein, dass der falsch ist."
"Mach ich"
Und dann .. DANN meldet sich die eine Stimme, das Bauchgefühl, und flüstert leise in meinem Kopf. "Nicht möglich, oder doch? Ich spüre da doch was. Er stimmt. Glaub mir, das Ergebnis ist richtig. Glaub mir. Es ist okay. Glaub mir."
Und der andere Teil in mir möchte nicht glauben.
Mechanisch wiederhole ich den Ablauf von vorhin.
Mechanisch warte ich.
Mechanisch sehe ich mir das Ergebnis an.
Ein weiterer Teil von mir dreht über und fängt an, das Ganze zu filmen. Spielt Szenen von gesehenen Videos vor meinem inneren Auge ab.
Meine Hand zittert leicht.
Und es erscheint die zweite Antwort.
Dieselbe wie eben.
Dritter Test.
Leichte Angst und Unglauben fangen an, in mir hoch zu kochen.
Gleichzeitig bin ich so so so ruhig.
Mechanisch mache ich den dritten Test.
Gleiches Ergebnis.
Stille. Stille. Stille.
ohrenbetäubende Stille.
Ich gebe M Bescheid.
Wir besprechen den weiteren Ablauf.
Ich rufe dort und dort an.
Gebe allen weiteren wichtigen Menschen die Information durch.
Und dann .. muss ich warten.
Es ist inzwischen nach 18 Uhr. Heute wird nichts mehr passieren. Das ist gut gleichzeitig weckt es eine tiefe Unruhe in mir.
Ich kann mich jetzt den Gefühlen hingeben. Aber sie kommen nicht, verstecken sich. Weil .. noch ist nichts gewiss.
Der Schlaf ist unruhig und von Schmerzen begleitet. Zusätzlich fühlt es sich so an, als ob jemand einen Bierkasten auf meinen Brustkorb gestellt hat.
Ich wache nach einigen Stunden Schlaf auf, zu wenig, zu unruhig, zu oft aufgewacht.
Ich denke an das Ergebnis.
Laufe zur Teststelle und glaube dem Ergebnis von gestern. Gehen ist anstrengend, fühlt sich an wie Marathon-Laufen.
Ja, sagt mein Bauchgefühl, ja, du hast es.
Ich komme nach Hause und muss mich erstmal auf den Boden legen; mein Herz pocht so stark und laut. Nachdem es sich beruhigt hat, stehe ich auf und alles dreht sich. Schlechte Idee sich auf den Boden zu legen. Merk ich mir für das nächste Mal.
Ich telefoniere weiter rum; meine Anleiterin wird mich zur nächsten Teststelle fahren, um eine offizielle Bestätigung zu kriegen.
Ich rede mit ihr über alles mögliche (wofür ich mir im Nachhinein einen Schl*g gegen den Hinterkopf geben möchte, oder die Zunge rausschn*iden).
Sage ihr, dass ich von einem positiven Ergebnis ausgehe, weil mein Bauchgefühl das so sagt (Hmmm, hätte ich mal lieber nicht gesagt, so aus Prinzip).
Ich komme wieder nach Hause, J ist für mich einkaufen gegangen. Nachdem sie mich gefragt hat, ob ich mir einen Gin Tonic/Cocktail machen will, nur weil auf der Einkaufsliste Tonic Water und Bitter Lemon steht. Nein, ich mag die Getränke auch außerhalb dessen. "Und den Gin finde ich dann im Regal stehen, nh?", fragt J im Scherz.
Ich überlege mir kurz, was ich sagen soll. Sage dann nur trocken "Ja.", weil ein Gin in meinem Regal steht. Sie versteht es als Scherz. Okay. Hoffentlich durchsucht sie nicht meine Sachen. Ich muss den Gin verstecken. Der war teuer. Und ich habe keine Lust auf eine dritte Verwarnung. Wobei .. ich ziehe eh bald aus, in nicht mal zwei Wochen. Wobei.. wie ist das jetzt eigentlich mit dem positiven Ergebnis?
Ich überlege mit dem Gin in der Hand, wo ich ihn verstecken soll.
Da? Nein, da findet man ihn leicht.
Da? Nein, da auch.
Da? Hmmm.. nein.
Dann fällt mir auf, dass man in meinem Apartment eh alles einfach finden kann, weil ich nur offene Regal und Schränke habe. Mist.
Dann wohl nur hinter den Akten.
Gegen Abend, nachdem sich das meiste an Unruhe gelegt hat, setzt eine Art Erkenntnis ein. Sie bohrt sich durch die Wand, die ich vor meinen Gefühlen erbaut habe.
Und durch den Schlitz dringen Verzweiflung und hysterisches Weinen, aber auch eine tiefe, tiefe Trauer.
Ich sehe den Sonnenuntergang, der eher einem Weltuntergang gleicht; ich drehe die Musik auf und singe mit, während ich mich im Kreis drehe und weine. So viele Gefühle kommen an die Oberfläche, von denen ich die meisten nicht mal namentlich benennen könnte.
Dann wähle ich als nächstes Lied "Lacrimosa" aus. Weil es immer etwas in mir berührt, was niemand berühren kann. Danach kommen Lieder, die meinen Hass auf alles gut widerspiegeln. Ich singe weiterhin mit. Sitze auf meiner Küchenzeile (oder eher einer kleinen Ecke, die sich Küchenzeile nennen will) und schaue dem Sonnenuntergang zu, wie er fortschreitet.
Tausend und kein Gedanke schießen durch meinen Kopf.
Der Wunsch nach S*lbstv*rletzung setzt ein, hält sich hartnäckig. Dann sagt die ermattete Stimme des Beobachters, dass es sich nicht lohnen würde. Der Körper braucht seine Mineralien und alles andere für das bevorstehende. Außerdem habe ich Schmerzmittel im Körper, welche meine wenigen Thrombozyten noch weiter runterdrückt. Es lohnt sich nicht. Der Körper braucht das Bl*t.
Dann eine andere Idee. Wieso sollten wir keinen Gin Tonic machen? Wir haben alles hier dafür, dann hat J doch auch wieder recht.
"Nein", sagt der Beobachter. "Ich will nicht weiter mit dir diskutieren."
Ich möchte rebellieren, es ihm zeigen, aber sehe es dann doch ein. Das wäre dumm.
Okay, dann also nur ablenken und von der Realität entfernen soweit es geht.
Die Schmerzen im Brustkorb ignoriere ich soweit es geht. Möchte nicht wissen, was sie bedeuten.
Ablenken und flüchten in den Kopf ist jetzt das priorisierte Ziel.
Flucht. Flucht. Flucht.
Gegen 22 Uhr kommt das Ergebnis. Ich hatte recht, es ist positiv.
Viel Mitleid von Freunden und Bekannten. Ich bereue es, es mitgeteilt zu haben.
Es setzt eine "f*ck it all" Einstellung ein.
Dann ist doch alles zu anstrengend, auch eine Einstellung.
Ich nehme meine Schlafmedis, schlucke sie mit Wasser runter und hoffe, dass der Schlaf schnell kommt (was er natürlich nicht tut).
Und wieder schlafe ich nicht durch, und wache viel zu früh auf.
F*ck it.
Ach du... erstmal gute Besserung und wenn du magst, fühl dich ganz lieb aus der Ferne gedrückt! ❤️
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